Das Pflichtschulwesen ist nicht in der Lage, Benachteiligungen auszugleichen

Schüler/innen mit Migrationshintergrund – gemessen an der Alltagssprache bzw. der Nationalität
– verteilen sich sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Schultypen und Fachrichtungen.
Im Allgemeinbildenden Schulwesen fällt auf, dass Kinder von Zugewanderten in
Sonderschulen überrepräsentiert sind, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Alltagssprache als
auch der Nationalität. Hier liegt die Vermutung nahe, dass häufig Sprachschwierigkeiten die
Ursache für die Überstellung in eine sonderpädagogische Schulform darstellen. Eine Studie
für Deutschland hat dies bestätigt und zudem belegt, dass diese Praxis die Integrationschancen
nicht vermehrt, sondern zu einer Zementierung der Ausgrenzung beiträgt: In Sonderschulen
werde gerade auf die sprachliche Förderung weniger Wert gelegt als im Regelschulwesen
(Powell & Wagner, 2001). In den selektiven AHS ist der Anteil an Migrant/inn/en/kindern
und -jugendlichen unterdurchschnittlich.
Generell ist festzustellen, dass im gesamten weiterfĂĽhrenden Schulsystem die Anteile der
SchĂĽler/innen mit Migrationshintergrund deutlich niedriger sind als in den Pflichtschulen.
Das Pflichtschulwesen ist nicht in der Lage, Benachteiligungen auszugleichen und fĂĽr ausgeglichene
Chancen auf eine weiterfĂĽhrende Bildungspartizipation zu sorgen. Im berufsbildenden
Schulwesen konzentrieren sich Kinder mit Migrationshintergrund sehr stark auf
den kaufmännischen Bereich und hier vor allem auf mittlere Schulen: Im Bundesdurchschnitt
sprechen 37 % der Schüler/innen an kaufmännischen BMS im Alltag eine andere
Sprache als Deutsch und mehr als 18 % sind nicht im Besitz der österreichischen Staatsbürgerschaft.
Dagegen ist dieser Anteil in den Berufsschulen niedrig. Granato (2006) konnte
fĂĽr Deutschland zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund bei sonst gleichen Bedingungen
(AbschlĂĽsse, Noten) beim Zugang zur dualen Ausbildung diskriminiert werden.

GĂĽnter Haider & Lorenz Lassnigg, in:  Werner Specht (Hrsg.), Nationaler Bildungsbericht, Ă–sterreich 2009, Band 1: Das Schulsystem im Spiegel von Daten und Indikatoren, Seite 41

Autor/in: 
GĂĽnter Haider & Lorenz Lassnigg
Ăśber den/die Autor/in: